Bereits seit dem frühen 18. Jahrhundert taucht der Orient immer wieder als beliebtes Thema in der Welt der Literatur auf. Von Reiseberichten über Briefwechsel zwischen Reisenden im Orient und Daheimgebliebenen bis zu Sachbüchern über die fremde orientalische Welt ist bereits damals alles zu finden. Einige der ersten Bestseller der deutschen Literaturgeschichte waren Reiseberichte aus dem fernen Orient.
Seither hat sich sowohl in der Welt als auch in der Literatur sehr viel geändert. Der Orient ist näher gerückt, er wirkt nicht mehr ganz so fremd wie noch vor zweihundert Jahren. Zwar wirkt die orientalische Kultur für uns noch immer oft befremdlich und unverständlich, jedoch haben wir in der heutigen Zeit das Glück, sehr viele Botschafter aus der exotischen Welt zur Verfügung zu haben, die uns sowohl die orientalischen Wunder und kulturellen Schätze als auch die Mängel und das Leid in der orientalischen Welt näher bringen wollen. Vor dem Hintergrund der orientalischen Kultur ist es vor allem bemerkenswert, wie viele Frauen sich unter diesen – oft literarischen – Botschaftern befinden.
Eine dieser Botschafterinnen ist Pinar Selek. Die 1971 in Istanbul geborene und aufgewachsene Schriftstellerin und Soziologin setzt sich besonders für die Rechte von Minderheiten ein. Als Tochter des bekannten Rechtsanwalts Alp Selek erhielt sie eine schulische Ausbildung am Französischen Gymnasium in Istanbul und studierte später Soziologie in Ankara und Paris. Bis 1998 lebte sie in Istanbul, arbeitete mit Straßenkindern und veröffentlichte Studien über die Diskriminierung an Homosexuellen, Transsexuellen und Transvestiten in der Türkei. Aufgrund von Bedrohungen durch die türkische Justiz lebt sie derzeit in Deutschland im Exil.
Pinar Selek ist Mitbegründerin der Frauenkooperative Amargi, eines Zusammenschlusses von Frauen, die mit verschiedenen Spielarten von Diskriminierung und Unterdrückung konfrontiert sind. Amargi verfolgt das Ziel, zum einen die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Gender-Thematik zu fördern und zum anderen die Gleichstellung der Frau in der türkischen Gesellschaft voranzubringen. Als tatkräftige Friedensaktivistin und Frauenrechtlerin zählt Pinar Selek zu einer der wichtigsten Autorinnen der von Amargi herausgegebenen Frauenzeitschrift. Ihr neustes Buch „Zum Mann gehätschelt – zum Mann gedrillt“ (erhältlich bei Orlanda Verlag, www.orlanda.de) ist eine Studie über das Erwachsenwerden von Männern in der Türkei, über ihre Erziehung zum Mann (sei es nun in ihrer Rolle in der Familie oder beim Militärdienst). Das Buch, basierend auf Interviews mit den verschiedensten Männern in der Türkei – übrigens geführt von für Pinar Selek arbeitende Männer, um es den Interviewten zu ermöglichen, offen zu sprechen – berichtet über den harten Prozess, den junge Männer in der Türkei durchlaufen, um zum „richtigen Mann“ zu werden. Kritisch und objektiv berichtet die türkische Schriftstellerin über die einzelnen Stationen und regt damit zum Nachdenken an.
In vielen Teilen der Welt als emanzipierte Frauenrechtlerin gefeiert, haben ihr diese Art von Veröffentlichungen in ihrem Heimatland jedoch große Probleme bereitet. Unter anderem wurde sie bereits 1998 beschuldigt, an einem Bombenanschlag auf einen Markt in Istanbul maßgeblich beteiligt gewesen zu sein. Laut Anklage habe sie als eine der Drahtzieherinnen der verbotenen Kurdenpartei PKK den Bombenanschlag initiiert. Sie wurde verhaftet, laut eigenen Angaben gefoltert und bedroht und verbrachte zweieinhalb Jahre im Gefängnis. Erst nach dem siebten Gutachten wurde bekannt, dass es sich bei der Explosion 1998 nicht um einen Anschlag handelte sondern um eine explodierte Gasflasche. Pinar Selek wird freigesprochen und entlassen. Allerdings ist damit ihre Odysee noch nicht beendet. Als sie 2004 eine Untersuchung über den antimilitärischen Widerstand in der Türkei beginnt, wird ihr Fall wieder aufgerollt. Zwar wird sie 2006 wieder freigesprochen, die Bedrohung ist jedoch so groß, dass sie sich entschließt die Türkei zu verlassen. 2007 wird der Freispruch als ungültig erklärt und Pinar Selek in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt. Aus diesem Grund lebt sie derzeit im Exil in Deutschland, unterstützt von zahlreichen Politikern, Schriftstellern (u. a. Günter Grass) und Institutionen, u. a. der Heinrich-Böll-Stiftung und P.E.N.
Pinar Selek selbst vermutet die Ursache für ihre juristische Verfolgung in ihrer Arbeit. In ihren Studien beschäftigt sie sich mit unangenehmen Themen und Tabus, die eigentlich nicht an die Öffentlichkeit geraten sollen. Ihre provokante und detaillierte Art zu schreiben kann schnell als Angriff oder Bedrohung gegen türkische Autoritäten gewertet werden. Mit ihrer Arbeit will sie dennoch nicht aufhören: "Das wäre so, als wenn man mich bitten würde, mit dem Leben aufzuhören", sagt sie selbst.
Zum Weiterlesen:
http://www.taz.de/1/leben/koepfe/artikel/1/ich-fuehle-mich-nirgends-sicher/
http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,730773,00.html
http://www.pen-deutschland.de/
Weitere interessante Bücher von muslimischen/orientalischen Schriftstellerinnen:
Orientalische Frauenschicksale:
Necla Kelek: „Himmelsreise: Mein Streit mit den Wächtern des Islam“
Betty Mahmoudi: „Nicht ohne meine Tochter“
Pinar Kelek: „Zum Mann gehätschelt – zum Mann gedrillt“ (erhältlich bei: www.orlanda.de)
Reiseberichte:
Barbara Hodgson: „Die Wüste atmet Freiheit“
Bärbel Arenz: „Mit Kompass und Korsett. Reisende Entdeckerinnen“



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